„Wir haben von Anfang an wie ein Tech-Startup gedacht“


Jurybegründung
Mit einem wachsenden Netzwerk aus Ehrenamtlichen und Partnerschulen schafft LifeTeachUs ein Schulfach, das in keinem Lehrplan steht: „LifeLessons“ bereiten Schülerinnen und Schüler auf das reale Leben vor. Die Jury würdigt, wie konsequent die Non Profit-Organisation diesen Anspruch über alle Touchpoints hinweg trägt – von der Haltung über das Produkt bis zur Kommunikation. Überzeugt hat vor allem, dass LifeTeachUs Bildungsgerechtigkeit nicht als Botschaft inszeniert, sondern als Haltung erlebbar macht. So wird die Marke selbst zum Beweis dafür, was gesellschaftlicher Zusammenhalt leisten kann.
Interview mit Ludwig Thied
Der Ehrenpreis „Best Purpose of the Year“ zeichnet Organisationen aus, bei denen gesellschaftliche Verantwortung nicht nur gelebt, sondern auch als Teil der Marke klar erkennbar wird. Was bedeutet diese Auszeichnung für LifeTeachUs und wie definiert ihr selbst euren „Beste Purpose“?
Der Ehrenpreis bedeutet uns enorm viel. Er macht genau das sichtbar, worum es bei LifeTeachUs seit Tag eins geht: Bildung darf keine Aufgabe einzelner Institutionen bleiben, sondern muss zu einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung werden. Unser Purpose basiert deshalb nicht einfach nur auf einem Claim oder einer Kommunikationsstrategie. Er steckt direkt in unserer Infrastruktur, in unserer App, in jedem einzelnen Einsatz an Schulen. Wir bringen Menschen mit Lebenswissen genau dann in Schulen, wenn sie gebraucht werden – bei Unterrichtsausfall, zur Berufsorientierung oder als Ergänzung zum Fachunterricht. Für uns bedeutet „Best Purpose“ nicht, möglichst gut über gesellschaftliche Verantwortung zu sprechen, sondern sie greifbar zu machen. Wenn eine Handwerkerin spontan eine Klasse besucht, ein ehemaliger Obdachloser seine Geschichte erzählt oder eine Ingenieurin Jugendlichen erklärt, wie ihr Berufsalltag aussieht, dann entsteht durch diese Begegnungen echter gesellschaftlicher Impact. Genau darin sehen wir unseren Purpose.
Die Jury betont, dass verantwortungsvolles Unternehmertum nicht nur kommuniziert, sondern „konsistent, differenzierend und prägnant erlebbar“ sein muss. Wo ziehst du die Grenze zwischen echtem Purpose und gut verpacktem Marketing?
Purpose wird im Marketing oft wie ein Add-on behandelt: schöne Kampagnen, große Worte, aber wenig strukturelle Konsequenzen. Echter Purpose verändert dagegen Entscheidungen, Prioritäten und auch die Art, wie eine Organisation arbeitet. Bei uns zeigt sich das darin, dass wir gemeinnützig aufgebaut sind, viele Jahre ressourcenarm gearbeitet haben und trotzdem konsequent auf Wirkung statt auf kurzfristige Monetarisierung setzen. Man erkennt echten Purpose häufig daran, dass eine Organisation auch dann an ihrer Mission festhält, wenn es unbequem wird. Gerade im Bildungsbereich dauert Veränderung lange, Prozesse sind träge, vieles skaliert nicht sofort. Wenn man trotzdem weitermacht, weil man wirklich an die gesellschaftliche Relevanz glaubt, wird aus Kommunikation Haltung.
Mit einer App koordiniert ihr Ehrenamtliche aus allen Bereichen der Gesellschaft und Partnerschulen. In sogenannten LifeLessons bringen diese dann gemäß eures Slogans „Lebenswissen in die Schule“. Wie kamen du und Dr. Simon Bründl auf diese Idee und was hat euch zur Gründung von LifeTeachUs im Jahr 2022 bewegt?
Besonders geprägt hat mich eine Begegnung mit einer geflüchteten Frau, die damals an meiner Schule ihre Geschichte erzählte. Diese eine Stunde hat bei mir mehr ausgelöst als viele klassische Unterrichtseinheiten – von denen viele ausgefallen sind. Da wurde mir klar, wie stark echte Begegnungen Perspektiven verändern können. Später entstand daraus die Frage: Warum gibt es eigentlich keine Infrastruktur, die genau solche Menschen flexibel in Schulen bringt? Also eine Art Plattform, über die Schulen unkompliziert Menschen mit Erfahrungen, Wissen und Geschichten anfragen können. Gemeinsam mit Dr. Simon Bründl habe ich diese Idee dann 2022 konkret umgesetzt. Uns war wichtig, kein weiteres theoretisches Bildungsprojekt zu schaffen, sondern ein System, das kollektives Wissen wirklich zugänglich macht – spontan, flexibel und skalierbar.
Ihr kommuniziert über zwei erschreckend konkrete Zahlen ein systemisches Problem: 59 Prozent aller Schüler*innen fühlen sich nicht ausreichend auf das Leben vorbereitet und an deutschen Schulen fallen wöchentlich eine Million Unterrichtsstunden aus. Wie habt ihr auf Grundlage dessen ein skalierbares Konzept entwickelt?
Uns war früh klar, dass wir nicht einfach ein lokales Ehrenamtsprojekt werden wollten, das von einzelnen Kontakten abhängt. Deshalb haben wir von Anfang an wie ein Tech-Startup gedacht – nur eben im gemeinnützigen Bereich. Die entscheidende Frage war: Wie schaffen wir eine Infrastruktur, über die Engagement ähnlich einfach wird wie eine Buchung über Uber oder Airbnb? Heute können Schulen über unsere App gezielt Themenfelder anfragen und passende LifeTeacher werden zeitgleich informiert. Dadurch entsteht Geschwindigkeit und Skalierbarkeit. Gleichzeitig standardisieren wir digital Prozesse wie Qualifizierung, Führungszeugnisse, Unterrichtsleitfäden und Matching. Genau das macht den Unterschied: Nicht einzelne Workshops skalieren, sondern die Infrastruktur dahinter.
Das deutsche Bildungssystem ist träge und strukturkonservativ. Wie gelingt es LifeTeachUs, dort systemisch Fuß zu fassen und was sind die größten Widerstände?
Das Bildungssystem ist tatsächlich extrem strukturkonservativ. Gleichzeitig merken wir aber, dass der Leidensdruck inzwischen enorm hoch ist – durch Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall und die Frage, wie junge Menschen besser auf das Leben vorbereitet werden können. Unser Vorteil ist, dass wir nicht gegen Schulen arbeiten, sondern mit ihnen. Wir verstehen uns nicht als Ersatz für Lehrkräfte, sondern als Ergänzung und Entlastung. Die größten Widerstände entstehen oft dort, wo neue Modelle zunächst nicht in bestehende Denkmuster passen. Viele fragen am Anfang: „Darf man das überhaupt?“ oder „Kann das funktionieren?“ Sobald aber die ersten LifeLessons stattfinden und Schulen erleben, wie professionell und wirkungsvoll das Konzept funktioniert, verändert sich die Wahrnehmung sehr schnell. Mittlerweile arbeiten wir mit hunderten Schulen zusammen und sehen, dass das Vertrauen kontinuierlich wächst.
Wann war der Moment, an dem aus eurem gemeinnützigen Projekt eine Marke wurde?
Als Menschen angefangen haben, sich emotional mit LifeTeachUs zu identifizieren … Etwa als Lehrkräfte uns geschrieben haben, dass eine einzelne LifeLesson ihre Klasse verändert hat. Als sich Menschen freiwillig als LifeTeacher registriert haben, obwohl sie uns vorher gar nicht persönlich kannten. Oder als plötzlich Unternehmen, Medien und die Politik auf uns zukamen, weil sie verstanden hatten, dass hinter LifeTeachUs eine gesamtgesellschaftliche Idee steckt. Eine Marke entsteht für mich nicht durch Logos oder Design, sondern wenn Menschen anfangen, Teil einer Mission werden zu wollen.
Ihr arbeitet mit einer sehr klaren Sprache und einer bunten, zugänglichen Bildwelt. Bei Auftritten – live und auf Social Media – zeigt ihr euch stets in hellem Rosa. War das von Anfang an eine bewusste Markenentscheidung oder hat sich diese Identität organisch entwickelt?
Das Rosa war anfangs mehr eine intuitive Entscheidung als strategisch durchdacht. Uns wurde jedoch schnell bewusst, dass Bildungskommunikation oft schwer, grau und institutionell wirkt. Wir wollten es anders machen und zugänglich, optimistisch und modern auftreten. Gerade im Bildungsbereich kann starke visuelle Kommunikation helfen, Aufmerksamkeit für Themen zu schaffen, die sonst untergehen. Mit der Zeit wurde diese Farbwelt zu einem klaren Wiedererkennungsmerkmal, sodass viele Menschen das Rosa direkt mit LifeTeachUs verbinden. Das zeigt, wie wichtig konsistente Markenführung auch für gemeinnützige Organisationen ist.
LifeTeachUs richtet sich gleichzeitig an sehr unterschiedliche Zielgruppen. Wie haltet ihr dabei eine konsistente Markenidentität aufrecht, ohne beliebig zu werden?
Wir kommunizieren immer dieselbe Haltung. Ob wir mit Schulen, Unternehmen oder Ehrenamtlichen sprechen: Es geht immer um gesellschaftlichen Zusammenhalt, Lebenswissen und die Frage, wie wir junge Menschen besser auf das echte Leben vorbereiten können. Die Sprache, Beispiele und Formate verändern sich je nach Zielgruppe, aber die Mission bleibt identisch. Genau dadurch entsteht Konsistenz. Außerdem versuchen wir sehr klar, direkt und nahbar zu kommunizieren. Gerade NGOs laufen manchmal Gefahr, entweder zu bürokratisch oder zu beliebig zu wirken.


Lukas Sieverding, einer der größten Creator für Alltagswissen in Deutschland, wurde kürzlich als euer Brand Ambassador vorgestellt. Welche Rolle spielen Persönlichkeiten für die Glaubwürdigkeit einer Marke und was war das Entscheidende bei eurer Wahl?
Uns war wichtig, keinen klassischen Werbebotschafter zu haben, sondern jemanden, der die Idee wirklich versteht, aktiv mitwirkt und authentisch ist. Menschen merken sehr schnell, ob Kooperationen nur strategisch sind oder ob echte Überzeugung dahintersteht. Besonders bei einer zweckorientierten Marke wie der unseren war also entscheidend, dass die Zusammenarbeit glaubwürdig ist. Was bei Lukas Sieverding genau der Fall ist: Seine Inhalte drehen sich seit Jahren um Wissensvermittlung und Alltagsbildung – genau diese Themen beschäftigen uns auch.
Ihr seid inzwischen in zahlreichen deutschen Städten aktiv und gewinnt wachsendes Medieninteresse. Wie managt ihr dieses Wachstum, ohne die Qualität der „LifeLessons“ und die Integrität der Marke zu gefährden?
Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen. Deshalb investieren wir viel in Standardisierung und digitale Prozesse. Jede LifeLesson basiert auf geprüften Leitfäden, unsere LifeTeacher werden qualifiziert und Schulen geben kontinuierlich Feedback. Gleichzeitig achten wir darauf, dass unsere Marke nicht beliebig wird. Nur weil wir schnell wachsen, müsen wir nicht jede Kooperation oder jede Reichweitenchance mitnehmen. Gerade im gemeinnützigen Bereich ist Vertrauen das wichtigste Kapital. Dieses langfristig zu schützen ist wichtiger als kurzfristiges Wachstum.
Impact ist bei LifeTeachUs nicht nur ein Schlagwort. Ihr arbeitet mit dem Konzept von „Impact Producern“. Wie misst und kommunizierst du gesellschaftliche Wirkung, sodass sie glaubwürdig bleibt?
Natürlich erfassen wir Kennzahlen wie erreichte Schulen, registrierte LifeTeacher oder Menge der Einsätze. Aber genauso wichtig sind qualitative Veränderungen wie neue Perspektiven und Begegnungen oder gesellschaftliche Teilhabe. Der Begriff „Impact Producer“ beschreibt bei uns deshalb auch eine Haltung. Menschen sollen nicht nur konsumieren oder zuschauen, sondern selbst Teil gesellschaftlicher Veränderung werden können. Wichtig dabei ist Ehrlichkeit. Wirkungskommunikation verliert sofort an Glaubwürdigkeit, wenn sie überhöht oder zu perfekt dargestellt wird.
Was würdest du einer NGO oder gemeinnützigen Organisation raten, die gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, aber noch keine klare Marke ist?
Ich würde raten, zuerst den eigenen Kern radikal ehrlich zu definieren. Viele Organisationen versuchen, möglichst viele Themen gleichzeitig abzudecken. Starke Marken entstehen aber meistens dort, wo ein klarer Fokus ist. Außerdem sollte man tatsächliche Wirkung nicht nur dokumentieren, sondern erlebbar machen. Menschen erinnern sich selten an abstrakte Strategiepapiere, aber sie erinnern sich an konkrete Geschichten, Begegnungen und Bilder. Und zuletzt: NGOs dürfen mutiger kommunizieren, denn gute Arbeit allein reicht heute nicht mehr aus. Wenn gesellschaftlicher Impact entstehen soll, muss Sichtbarkeit Teil der Strategie sein.
Wo soll LifeTeachUs in fünf Jahren stehen?
In fünf Jahren soll LifeTeachUs ein fester Bestandteil der Bildungslandschaft und eine selbstverständliche Ergänzung zum Unterricht sein. Wir möchten, dass Schulen in ganz Deutschland jederzeit auf kollektives Wissen zugreifen können. Dass Jugendliche regelmäßig Menschen begegnen, die ihnen echte Einblicke ins Leben geben. Und, dass Engagement genauso flexibel und selbstverständlich wird, wie andere digitale Dienstleistungen. Gleichzeitig wollen wir international zeigen, dass Bildung neu gedacht werden kann: offener, menschlicher und stärker mit der Gesellschaft verbunden. Ich glaube wirklich, dass Bildung die letzte große Chance für Veränderung ist, die wir noch haben. Und genau deshalb müssen wir anfangen, sie gemeinsam zu tragen.
Das Interview führte Sabrina Günther.







